Gerade die Abweichungen vom immer als streng empfundenen Prinzip der Symmetrie in der Bildkomposition verweisen indirekt auf diesen Prozess. Symmetrie ist ein Phänomen des Raumes, in der Zeit gibt es keine Symmetrie.

Das Nebeneinander als simultane Erscheinung ist in beiden Fotos durch die erwähnten Details aus der Regelhaftigkeit der klassischen bilateralen Symmetrie herausgehoben. Das ist schon daran zu sehen, dass es weder einen zweiten entsprechenden Sessel noch einen zweiten – eventuell »richtig« wiedergegebenen – entsprechenden Buchstaben zu sehen gibt. Die zentralen Elemente des Bildes sind die Achse selbst, so kann man sagen. Und dann ist es das Hochformat beider Bilder, das dem Gefühl der Breitenentfaltung, das mit der Wahrnehmung symmetrischer Phänomene immer einhergeht, zuwiderläuft, von ihm ablenkt. So entsteht eine frontale Flächigkeit, die an sich einer Tiefenwirkung, die ein zeitlich-prozessuales Phänomen ist, entgegenwirkt. Dies zeigt vielleicht am ehesten noch das Buchstabenbild, das Sesselbild hingegen enthält diese Tiefe. Das heißt auch, dass beide Bilder in einem spannungsgeladenen Verhältnis zueinander stehen.

Die Zeit, als Prozess betrachtet (es gibt ja auch andere Zeitauffassungen als die prozessuale), ist in ihrer Bewegungsrichtung nicht umkehrbar, wir können in ihr nicht zurückgehen, sie solcherart durchmessen, Grenzen setzen und dann Entsprechungen entlang von Achsen festlegen. In der Zeit gibt es daher grundsätzlich keine Symmetrie, wie bereits Dagobert Frey festgestellt hat. Wenn es so etwas wie eine (regelmäßige) Wiederholung gleicher Formen in der Zeit gibt, dann ist das keine Symmetrie, sondern Rhythmus. Rhythmus treibt voran, von beiden Bildern Jürgen Grünwalds will man wissen: Was wird mit dem Sessel geschehen? Wohin wird er gebracht werden? Was besagt der Buchstabe? Zu welchem Wort gehört er? Die Fragen treiben an. 

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